Interview mit Jürgen Seidel | Schon gelesen?
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Interview mit Jürgen Seidel

Jürgen Seidel und ich auf der Leipziger Buchmesse

Jürgen Seidel und ich auf der Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die Möglichkeit, ein Interview mit dem sehr sympatischen Jürgen Seidel zu führen, welcher unter anderem die Bücher Blumen für den Führer, Die Unschuldigen und Das Paradies der Täter geschrieben hat.

Wir haben uns sehr gut unterhalten und mir hat es sehr viel Spaß gemacht – ich hoffe, dass ich Herrn Seidel nicht zu sehr mit meinen Fragen gelöchert habe :).

Welche Idee stand hinter dem dritten Band der Trilogie? Gab es da, wie ja auch im zweiten Band, Die Unschuldigen mit der Ermordung des Bürgermeisters, eine True Story oder haben sie ihre Fantasie spielen lassen?

Das ist ein schönes Wort: True Story. Eine True Story gibt es im dritten Band nicht, aber eben True Facts. Ich habe bei der Lektüre eines Buches gelesen, dass es tatsächlich so war, dass nach dem Krieg in deutschen Schulen in Argentinien jüdische Flüchtlinge und die Kinder von Nazi-Familien, die sich aus Deutschland abgesetzt hatten, in einer Klasse nebeneinander saßen. Das sind also True Facts, aber keine True Story.

Jürgen Seidel (© Isabelle Grubert/Random House)

Jürgen Seidel (© Isabelle Grubert/Random House)

Wie kamen sie auf das Thema Nazideutschland? Mittlerweile haben sie ja drei Bücher darüber veröffentlicht – haben sie persönlich etwas damit zu tun gehabt oder woher kommt dieses Thema?

Na ja, ich bin 1948 geboren worden und meine Eltern waren sozusagen locker historisch verstrickt. Es ist nicht so, dass mein Vater ein Nazi gewesen wäre, aber der war natürlich im Krieg und meine Mutter hat in Berlin gelebt und ist da auch groß geworden. Die haben diese Katastrophe natürlich unmittelbar mitbekommen, und ich kann mich lebhaft daran erinnern, dass man sich beim Älterwerden natürlich Fragen stellte, die aber bei uns zu Hause nicht beantwortet wurden.

Ich weiß noch, wie mein Bruder, der ist fünf Jahre älter als ich, eines Tages aus der Schule nach Hause kam und dann meinen Vater gewissermaßen zur Rede stellte und ihn fragte, was er damals eigentlich gemacht hat – da hat mein Vater ihm eine Ohrfeige gegeben. Diese Ohrfeige ist sozusagen auch ein Historical Fact – die gab es nicht nur bei uns, sondern die gab es auch in vielen anderen Familien. Es gab bei uns eigentlich nie Schläge – das war der einzige, den ich wirklich mitbekommen habe. Mein Vater hat sich wohl einfach geschämt oder nicht gewusst, was er sagen soll.

Jürgen Seidel und ich

Jürgen Seidel und ich

Es ist ja für alle drei Bände eigentlich die Grundhandlung – das dritte Reich und die Zeit damals. In jedem Buch geht es aber neben diesem Thema auch noch um die Liebe. Wieso denken sie, dass das so wichtig ist, das in den Büchern hervorzuheben?

(Herr Seidel lacht) Ich hab mal als Jugendbuchautor gelernt, dass es ohne Liebe nicht gut ist. Ich habe aber auch als Erwachsenenautor gelernt, dass es ohne Liebe nicht gut ist. Jedes Buch hat eigentlich irgendwie mit Gefühlen zu tun – egal was man erzählt. Hier habe ich das natürlich ein bisschen herausgehoben oder ab und zu wilde Erfindungen eingefügt. Zum Beispiel im zweiten Band bei dem Bürgermeister, wo ich behauptet habe, der hätte einen Sohn und ein Mädchen aus dieser Mordgruppe verliebt sich in ihn – der Bürgermeister hatte aber Töchter, glaube ich, und das hätte so eigentlich gar nicht funktioniert. Ich denke, es ist schon wichtig, um es vielen Lesern einfacher zu machen, so eine Geschichte aufzunehmen und zu verstehen. Wenn man das nur historisch-politisch macht, dann wird das eine sehr harte Kost.

Jürgen Seidel (© Isabelle Grubert/Random House)

Jürgen Seidel (© Isabelle Grubert/Random House)

Wie sollte man mit der Geschichte, die wir in Deutschland haben, in der Zukunft umgehen?

Wir haben in all diesen vielen Jahren gelernt, dass man nicht sagen sollte, das ist jetzt erledigt und wir vergessen es jetzt. Wenn man eine Lehre daraus ziehen kann, dann zieht man sie. Wenn man dann aber anfängt, sich nicht mehr in dieser Form zu erinnern oder daran zu denken, dann ist das Lehre ziehen zu Ende.

Ich denke aber auch, dass die Opfer, die darunter leiden mussten, sehen und erleben sollten, dass es nicht vergessen wird – nur als Geste. Das finde ich sehr wichtig.

Denken sie, dass die Menschen damals das, was passiert ist, hätten verhindern können?

Ich weiß, dass der Vergleich hinkt, aber wie sieht es heute aus?

Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass meine Enkeltochter mich später einmal fragt, was wir damals, also heute, eigentlich angestellt hätten, was mit uns los war. Die Atmosphäre ist in zwanzig Jahren vielleicht kaputt. Was antworte ich dann? Ich bin jeden Morgen in mein Auto gestiegen und so weiter… Sie wird dann sagen, dass ich nicht erzählen soll, wir wären nicht informiert gewesen, was Autoabgase anrichten – wir sind die Informationsgesellschaft schlechthin und trotzdem – es passiert nichts. Wir verhindern auch nichts.

Sie haben ja mal gesagt, dass sie lieber für wenige Leser eine gute und informative Lektüre schreiben als eine flüssige Lektüre für die breite Masse. Wäre es nicht ertragreicher, wenn sie so etwas schreiben würden?

Das stimmt natürlich – ich würde mehr verdienen, wenn ich das einfacher machen würde. Aber ich kann nicht dass. Das wäre jetzt zum Beispiel Fantasy, was ihr Jugendlichen heute so lest. Ich kann das einfach nicht – keine Ahnung wie das geht.

Vielen Dank für das tolle Interview.

Gerne…

Verlinkung

Wenn jemand auf dieses Interview verlinken möchte, dann ist das über den folgenden Link möglich:

http://interview.schon-gelesen.eu/seidel

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